IWI-Studie

29.10.2012, 13:00 von Alexander Willim

Bessere Sprachkenntnisse, bessere Jobs, höhere Kaufkraft!

Fehlende Kooperationen im Bildungs- und Ausbildungsbereich könnten 50 - prozentige Verringerung des Wirtschaftswachstums in Pannonien bedeuten!

 

Eine Studie des Industriewissenschaftlichen Instituts (IWI) im Auftrag des grenzüberschreitenden EURES-T-Pannonia Projekts „Personalleiternetzwerk” untersuchte die Kooperation von Bildungseinrichtungen und Unternehmen im Einzugsgebiet Burgenland sowie West-Transdanubien.

Dabei stellte sich heraus, dass Beschäftigte, speziell jene aus Ungarn im Burgenland oft jene Jobs annehmen, die höheren Lohn als im Heimmarkt aber eine geringere Qualifizierungsebene bieten. „Hierdurch verliert sowohl das Burgenland als auch West –Transdanubien wertvolle Qualifikationen und Kompetenzen,” erklärt die Vorsitzende von EURES T – Pannonia, Dr. Ingrid Puschautz-Meidl.

Ingrid Puschautz- Meidl fordert daher vor allem die Politik und Sozialpartner dazu auf, „grenzüberschreitende Kooperationen im Bildungs- und Ausbildungbereich als Chance zu betrachten und nicht als Bedrohung! Zweisprachigkeit in den Schulen muss flächendeckend erfolgen. Anreizsysteme müssen Fachkräfte zum Schritt über die Grenze bewegen! Unternehmer müssen in ihren grenzüberschreitenden Aktivitäten unterstützt werden”.

EURES T Pannonia hat „Erst-Maßnahmen“ entwickelt, um die Bedingungen für Kooperationen zwischen Wirtschaft und Bildung am Arbeitsmarkt zu verbessern. So könnten zweisprachige Kindergärten, Austauschprogramme für Lehrlinge aber auch für Lehrer oder Betriebsbesuche innerhalb Pannoniens zur besseren Information und damit zu besseren Bedingungen am Arbeitsmarkt führen.

Derartige Maßnahmen rasch umgesetzt, würden in der gesamten Region langfristig Chancen für eine Verflachung des wirtschaftlichen Gefälles bewirken.

Studienautor DDr. Herwig Schneider, Geschäftsführer des Indsutriewissenschaftlichen Instituts, mahnt Aktivitäten in Richtung Kooperation der „Schicksalsgemeinschaft Pannonischer Raum” ein: „Es besteht die Gefahr, dass die Produktionswirtschaft wegen Fachkräftemangels aus der Region abwandert oder ihre Kapazitäten merklich verringern. Das Wirtschaftswachstum wird sich in der kommenden Dekade um mindestens 50 Prozent verringern, wenn nicht die Potentiale so gut als möglich ausgeschöpft werden. Bessere Vernetzung und mehr Verständnis für unser Gegenüber ist unverzichtbar, um nicht im Wettstreit der europäischen Regionen unterzugehen.”

Aktuelle Situation in Pannonien

Der aktuelle wirtschafts- und gesellschaftspolitische Rahmen sowie die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise bestimmen das Arbeitsmarktgeschehen. „Über 20 Jahre nach der Liberalisierung der Wirtschaftsräume und der vollständigen Umsetzung der vier Grundfreiheiten des europäischen Binnenmarktes, ist das Gebiet Pannonien noch immer von einem deutlichen wirtschaftlichen Gefälle West-Ost als auch Nord-Süd geprägt. Diese Faktoren haben Einfluss auf die grenzüberschreitende Zusammenarbeit zwischen den Arbeitgeberbetrieben und dem Bildungssektor”, erkäutert DDr. Herwig Schneider.

> Zunehmende Arbeits-Migration / Grenzgänger gegen das wirtschaftliche Gefälle: Rund 10% der unselbstständig Beschäftigten im Burgenland sind bereits ungarische Staatsbürger – in der Landwirtschaft sogar 65%. Grenzgänger aus dem Burgenland mit dem Gefälle Richtung Ungarn verbleiben unterhalb der statistischen Wahrnehmungsgrenze.

> Die Grenzregionen beider Staaten konkurrieren um Fachkräfte: Experten beider Seiten der Grenze fürchten „brain-drain“ durch Facharbeiterabwanderung sowie Wertschöpfungsverluste (Kaufkraft- und Abgabenverlust).

> Sprachbarrieren hemmen den wirtschaftlichen Austausch. Trotz intensiver Bemühungen auf beiden Seiten der Grenze sind zentrale Mängel bei der Sprachbeherrschung deutsch/ungarisch vor Start einer Berufstätigkeit im gegenüberliegenden Grenzraum auf breiter Ebene anzutreffen.

> Kooperationen zwischen Bildungseinrichtungen und Arbeitgeberbetrieben erfolgen auf höchst unsystematischer Ebene (sporadische informelle Kontakte). Darüber hinaus sind große Informationslücken bei Arbeitgebern über branchenrelevante Bildungseinrichtungen im jeweiligen gegenüberliegenden Grenzraum zu Tage getreten.

> Oft Beschäftigung unter dem Ausbildungsniveau. Beschäftigte, speziell jene aus Ungarn im Burgenland, die das Lohngefälle nutzen, finden sich häufig in Tätigkeitsfelder wieder, die nicht den Kompetenzen ihrer Ausbildung und Berufserfahrung entsprechen. Sie nehmen am Arbeitsmarkt Stellen an, die höheren Lohn als im Heimmarkt bei gleichzeitig geringerer Qualifizierungsebene bieten. Hierdurch verliert der gesamte Untersuchungsraum Qualifikationen und Kompetenzen.

> Letztlich werden grenzüberschreitende unternehmerische Aktivitäten durch Sprachgefälle, die mangelnde Bekanntheit von Arbeitsmarktoptionen bei expandierenden Unternehmen und die Arbeitsmigration nicht gefördert. Unternehmertum mit Bezug zur gesamten Region (beide Seiten der Grenze) ermöglicht jedoch langfristig Chancen auf eine Verflachung des wirtschaftlichen Gefälles.

Um auf diese Einflussfaktoren und Prioritäten zu reagieren, empfehlen sich aus Sicht der Studienautoren des industriewissenschaftlichen Instituts folgende Erst-Maßnahmen, um die Bedingungen für Kooperationen zwischen Wirtschaft und Bildung am Arbeitsmarkt zu verbessern:

Nr. Maßnahme Umsetzungsvorschlag bzw. Zielformulierung

  1. 1. Förderung der zweisprachigen Kindergärten und Volksschulen Langfristiges Ziel: flächendeckende Grundkenntnisse ungarisch/deutsch ab Kindergarten/Primarstufe. Vorschlag Startmaßnahme: Je Region sollen fünf Leitbetriebe in den kommenden drei Jahren animiert werden, an Unterstützungsprogrammen für die Zweisprachigkeit teilzunehmen.
  2. 2. Praktika grenzüberschreitend intensivieren Erhöhung des geschätzten Anteils von 20% der Bildungseinrichtungen mit grenzüberschreitenden Praktikanten auf 70% innerhalb von fünf Jahren. Erweiterung bestehender Austauschprogramme zur mittelfristigen Zielerreichung.
  3. 3. Betriebsbesuche Alle 42 berufsbildenden Schulen im Bgld. und 81 Berufsschulen in WTD besuchen zumindest einmal im Jahr einen Betrieb grenzüberschreitend. Regionen animieren Bildungseinrichtungen sich vorzustellen und koordinieren Besuchsprogramme.
  4. 4. Wettbewerbe auf Ausbildungsebene mit Bezug zu Wirtschaftsfragen Umsetzung von drei Wettbewerben in den kommenden zwei Jahren. Region Pannonia prämiert beste Abschluss- und Diplomarbeiten zu grenzüberschreitenden Wirtschaftsfragen.
  5. 5. Junior Unternehmen, Übungsfirmen Ziele und Umsetzung abhängig von bestehenden Programmzielen. Integration der grenzüberschreitenden Komponente.
  6. 6. Detailliertes branchenbezogenes Berufsbildungsmonitoring - Analyse und Dokumentation Erstellung eines Ausbildungskatalogs nach Branchen/Berufen der grenzüberschreitenden Bildungsangebote für das Unternehmen. Branchenbezogene Dissemination an alle Unternehmen in der Zielregion.
  7. 7. Clustervertreter und tertiäre Bildungseinrichtungen grenzüberschreitend vernetzen Je eine institutionalisierte Veranstaltung pro Jahr auf ungarischer und österreichischer Seite.
  8. 8. Sprachliche Qualifizierungsangebote für Fachkräfte Proaktiven Förderung der Facharbeiter und der Fachkräfte, Sprachkompetenzen im Rahmen von EU-Projekten zum lebenslangen Lernen.
  9. 9. Promotorensystem Workshops mit Lehrkräften in der jeweiligen anderen Region.

Die Studie wurde mit Hilfe runde 80 Telefongesprächen und 28 Experteninterviews (Stakeholder, wirtschaftspolitische Entscheidungsträger, Vertreter des Bildungssystems im ungarischen und österreichischen Einzugsgebiet) erstellt.

Projektverantwortung: DDr. Herwig W. SCHNEIDER Autor/innen: Mag. Robert NEURBERGER, Christina RAMHARTER

Unter Mitarbeit von Anna POHL

Übersetzung von Réka MIHÁLY

Patrick HALPER

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